Aufgabe im 2. Halbjahr war es, eine kleine Kriminalgeschichte beasierend auf einem vorgegebenen Anfang zu verfassen. Für den folgenden Krimi erhielt ich eine 1 minus, die Arbeitszeit war durch die Lehrerin mit 2 Wochen bemessen.
Fortsetzung des Kriminalromans von Günter Kunert
Vorgegebener Anfang: Ein spielender Junge findet auf einem abgelegenen Grundstück eine alte Kamera, die er als Spielzeug mit nach Hause bringt. Als die Mutter die Kamera zwischen den Spielsachen entdeckt, bringt sie diese aufgrund einer bösen Vorahnung zur Polizei. Recherchen über den Besitzen der teuren Kamera ergeben, dass über den Besitzer bereits seit 3 Monaten eine Vermisstenmeldung vorliegt. Weder die Figur des Kommissars, noch Handlungsablauf oder Orte sind vorgegeben. Maximale Länge des Textes waren 7 Seiten. Mangelnde Detailreiche bitte ich daher aufgrund des Längenlimits zu entschuldigen.
Als ich bereits über den Fall nachdachte, verkündete ein lautes Türenschlagen die Ankunft von Kommissar Sundberg. Kommissar Fred Sundberg ist mein Kollege und wurde für die Ermittlungen im Fall um die mysteriöse Kamera auserwählt. Mein Name ist Kurt Hilbig, und ich bin in gewisser Weise Sundbergs Assistent. Auch meine Bürotür schlug auf und Sundberg trat ein. Kommissar Sundberg ist ein breiter, muskulöser Kerl von einem Meter fünfundneunzig. Schnurrbart, schlecht rasiert und leicht fettige, mittellange Haare. Das harte Gesicht ist gezeichnet von 2 kleinen Narben an der rechten Wange.
Einem flüchtigen Mahlzeit, Hilbig!
zur Begrüßung folgte sofort die Nachfrage: Und? Hat sich was' neues ergeben seit unser'm Telefonat?
Eigentlich nicht viel. Aber die Fotos aus der inzwischen vollständig untersuchten Kamera sind äußerst brisant
, lautete meine Antwort. Brisant?
Ja. Sehen sie selbst...
Sundberg nahm die Fotos vom dunklen Holz des Schreibtisches und sah sie durch.
Die Fotos zeigten eindeutig den amtierenden Bürgermeister Kleinstädt, der einem unbekannten gebündeltes Geld übergab. Augenscheinlich mindestens dreißigtausend Euro. Den Bürgermeister erkannte jeder sofort, die andere Person war auch zu sehen, uns jedoch unbekannt. Die Bilder waren nachts gemacht worden, aber es ließ sich mit Bestimmtheit sagen, dass die Aufnahmen auf dem unbebauten Grundstück gemacht worden waren, wo der kleine Bursche die Kamera entdeckt hatte. Was das Ganze erst richtig verdächtig machte war, dass der Bürgermeister Sonnenbrille und Hut trug, um sich unkenntlich zu machen. Das hatte jedoch nicht sonderlich gut funktioniert, da man ihn eindeutig an der auffälligen Narbe über der rechten Augenbraue erkannte, die ihm ein Linksradikaler verpasst hatte, der Kleinstädt für einen Nazi gehalten hatte.
Als er fertig mit dem Durchsehen war, sagte Sundberg voller Erstaunen: Bürgermeister Kleinstädt!
Ganz genau
, erwiderte ich. Bestechung allein wäre schon schlimm genug gewesen, aber da über den Fotografen seit 3 Monaten eine Vermisstenmeldung vorliegt, könnte es bedeuten, dass der Vermisste tot ist. Und als Mörder käme wohl eindeutig der Bürgermeister in Frage, der die belastenden Fotos haben wollte. Überhaupt, wer trägt nachts Sonnenbrille?
Sundberg stellte sich daraufhin dieselbe Frage, die ich mir auch beim durchsehen der Aufnahmen gestellt hatte: Aber wieso is' der Bürgermeister dann nich' in Besitz der Kamera gelangt? Wenn die Fotos doch das wahrscheinlichste Mordmotiv wären. Und wer war der Geldempfänger? Ein Politiker? Ein Lobbyist?
Direkt darauf gab mir Sundberg Anweisung: Wie auch immer, Hilbig. Will' das der Fundort der Kamera gründlich untersucht wird. Sagen wir im Umkreis von 5 Kilometern. Hopp Hopp! Das Verbrechen schläft auch nich'.
Nach der Mittagspause kam der erste Anruf. Sundberg nahm ab: Kriminalpolizei, Sundberg am Apparat. Was? Leiche nahe des Grundstückes gefunden? Wo genau? Okay - rücken aus.
Sundberg und ich fuhren Richtung Wiescherhöfen. Schließlich hielten wir nahe der Selmigerheideschule an dem unbebauten Grundstück, wo der kleine Bursche die Kamera entdeckt hatte. Sundberg und ich gingen direkt auf die Freifläche. Reifenspuren zogen sich über das Grundstück. Ein Kollege von der Spurensicherung stand uns Rede und Antwort...
Tag Kollege. Wo ist denn unser Toter?
, fragte Sundberg. Na ja erst einmal haben wir hier etwas sehr interessantes. Es muss eine wilde Verfolgung stattgefunden haben. Etwas ältere Reifenspuren führen kreuz und quer über das Gelände, Profil wurde schon genommen. Da vorne dann schließlich findet sich unter einer Schicht Sand begraben Blut. Die Reifenspuren führen genau bis dahin.
Ne' Verfolgung also. Der Fotograf wurd' also vielleicht beim Knipsen ertappt und hat die Kamera dann wohl weggeschmissen. Und im Dunkeln hat der Täter die Kamera nich' gefundn'. Und wo ist dann jetzt die Leiche?
Liegt gar nicht weit von hier. Da drüben an der Bahnlinie hat man ihn unter dem Schotter vergraben.
Man dankt...
, beendete Sundberg das Gespräch.
Wir gingen also zur Bahnstrecke, wo man uns bereits erwartete. Sundberg und ich gingen unter der Absperrung hindurch. Die Leiche war schon etwas verwest, weil er wahrscheinlich die vollen 3 Monate hier gelegenen hatte. Das Gesicht kündete von großer Panik. Knapp einen Meter achtzig groß war er und hatte eine leichte Hakennase. Er trug einen Anzug von Armani, die Haare leicht schmierig nach hinten gekämmt. Die Omega-Uhr an seinem linken Arm kündete von der guten finanziellen Situation, die die Vermisstenmeldung uns verraten hatte. Somit bestätigte der Tote die Angaben der Vermisstenanzeige voll.
Sundberg stellte noch einige Fragen: Wissense' schon etwa was die Todesursache is'?
Beachtet man aber die enorme ausgetretene Blutmenge und das angsverzerrte Gesicht, sowie die Reifenspuren, kommt man schnell darauf, dass er schlichtweg überfahren wurde. Diese schwarzen Abdrücke an den Armen und am Hals des Toten werden noch gründlich untersucht.
Schwarze Abdrücke? Hmm...bin gespannt was datt' sein soll. Sonst hammse' noch nix'?
Tja, gestorben ist der Fotograf dann wohl eindeutig auf dem Grundstück da vorne und wurde dann hier versteckt.
Na dann danke für die Auskunft. Komm' Hilbig...
Wir gingen zurück zum Dienstwagen und Sundberg spekulierte vor sich hin: Also, datt' Opfer hat den Bürgermeister bei der Bestechung eines uns noch Unbekannten fotografiert. Als einer der beiden merkte, dass se' nich' unbeobachtet warn', floh das Opfer aus seinem Versteck. Der Täter nahm sein Auto und verfolgte den Fotografen quer über datt' Grundstück. In einem günstigen Moment warf er die Kamera mit den Fotos weg, um se' später abzuholn'. Doch schließlich wurde er überfahren. Der Täter hat den Fotografen daraufhin unter dem Schotter der nahen Bahnstrecke vergraben und konnte so 3 Monate unentdeckt bleiben. Jedoch fand er die Kamera nicht wieder...
Klingt logisch
, bestätigte ich Sundbergs Ausführungen. Dann nehmenwa' uns jezz' erstma' den Oberbürgermeister vor, den wir auf den Fotos eindeutig erkennen.
Also fuhren wir gemeinsam zum Rathaus. Inzwischen war es Nachmittag geworden. Sundberg rannte in das Rathaus hinein und wartete gar nicht erst am Empfang, sondern stürmte direkt dem Wegweiser folgend in das Büro des Oberbürgermeisters. Der sah uns ganz entrüstet an, bemühte sich jedoch im Beisein seiner Berater um Fassung:
Pardon, meine Herren, aber sie stören eine wichtige Städtebauliche Besprechung!
Sundberg, Kripo Hamm. Bürgermeister, sie sind vorläufig festgenommen. Dringender Tatverdacht der Bestechung. Hilbig – abführen.
Auch wenn ich Sundbergs überstürztes Handeln nicht gut hieß, nahm ich meine Handschellen vom Gürtel und führte den Bürgermeister ab. Als wir den ranghohen Politiker mitten durch das Rathaus schleiften erregten wir eine Menge Aufmerksamkeit. Alle sahen uns ungläubig hinterher, vor allem da der Bürgermeister immer wieder lauthals skandierte, „es würde uns noch Leid tun“ und „ob wir überhaupt wüssten, wen wir da vor uns hätten“.
Auf dem nahen Revier nahm Sundberg den Bürgermeister in die Mangel: Also, was hammse' mit dem Fotografen angestellt. Haben sie ihn direkt getötet oder erst mal gründlich von ihren Handlangern in die Mangel nehmen lassen?
Welcher Fotograf? Ging es nicht gerade noch um Bestechung?
Der Fotograf, der diese Fotos gemacht hat.
Sundberg knallte einige der Abzüge auf den Tisch des Verhörzimmers.
Der Fotograf hattse' geknipst, wiese' jemanden bestochen hamm'. Als se' ihn bemerkten, da hammse' den Fotografen eiskalt überfahren. Wir fanden Blut und Reifenspuren auf dem Grundstück der Geldübergabe, das man auf den Fotos sieht. Und die Leiche hammwa auch.
Das beweist gar nichts. Ich wars' nicht. Und außerdem: Ich will meinen Anwal
Der wird ihnen auch nich' helfen können, dass versprech' ich ihnen. Jetzt sinnse' dran. Wer is' der Empfänger des Geldes auf den Fotos?
Sie können mich hier nicht festhalten. Wenn sie keinen begründeten Verdacht haben, müssen sie mich bald wieder gehen lassen. Vielleicht habe ich ja auch nur eine kleine Spende gemacht, sagen wir an Greenpeace. Ich engagiere mich seit langem für Umweltschutz, wissen sie?
Wenig feinfühlig versuchte Sundberg weiter, den Bürgermeister zum Auspacken zu bewegen.
Waaaaas haben sieeeee mit deeeeeem Fotografen gemacht?
Kommissar, wir drehen uns im Kreis. Wo sind ihre Beweise? Ihre Verdächtigungen sind unerhört! Entweder sie lassen mich gehen oder ich will meinen Anwalt. Und der wird ihrem Vorgesetzten ordentlich Druck machen. Und gegen sie leite ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein.
Eins versprech ich dir, Kleinstädt. Ich krich' dich!
Wie, wenn ich es nicht war, Kommissar?
Und so kam es, dass wir den Bürgermeister ohne nähere Erkenntnisse gehen lassen mussten.
Hilbig, auf jeden Fall is' der Kerl nich' unschuldig. So wie der droht...
Kollege, bei aller Liebe, aber du warst auch nicht gerade feinfühlig beim Verhör. Vielleicht sollten wir den Arbeitgeber des Toten aufsuchen?
Hast' wohl recht, Hilbig.
Also nahm sich Sundberg noch einmal die Vermisstenanzeige vor, um den Arbeitgeber herauszusuchen.
Name: Michael Habicht Vermisst seit: 05-04-2007 Geboren: 21-09-1970 ... Beschäftigt bei: Westfälischer Anzeiger, Hamm
Beim WA also.
Inzwischen war es Abend geworden und Sundberg klopfte am Büro des Chefredakteurs
Herr Lequardt? Sundberg, Kripo Hamm
Kripo?
Können wir reinkommen?
J-ja sicher.
Als wir hinein kamen, waren wir sichtlich überrascht. Der Geldempfänger auf den Fotos – es war der Chefredakteur des WA!
Sagense' mal, sie haben nich' zufällig Geld vom Oberbürgermeister kassiert?
Vom Bürgermeister? N-nein. Warum auch?
Verarsch mich nich', Zeitungsfutzi. Was is' dann bitte das hier?
Sichtlich gereizt von der dreisten Lüge fegte Sundberg die Unterlagen vom Schreibtisch des Redakteurs und knallte ein weiteres mal die Abzüge auf den Tisch.
Ä-ääh, das ist, ich meine, dass, das ist...
Waaaaaas isssssssssst daaaaaaaaas, Lequardt? Haaaaben sie ihren Mitarbeiter, in dessen Kamera der Film mit dieeeesen Bildern steckte zum Schweigen gebracht? Was ist mit deeeem Geld?
I-ich, ich, ähhh, nur eine... ääh... kleine Spende des Bürgermeisters für ähhh den WA an sich.
Ne' Speeeeendeeee; bei Nacht; der Bürgermeister verkleidet. Verarschn'se mich nich'. Sie haben Geld vom Bürgermeister kassiert. Und wurden dabei von ihrem Mitarbeiter, Michael Habicht fotografiert. Waren sie es, oder der OB, der ihn kaltgestellt hat?
Inzwischen hatte sich Chefredakteur Lequardt wohl etwas überlegt
Verlassen sie sofort mein Büro, bevor ich ihre Kollegen rufe und sie noch suspendiert werden. Das war nur eine Spende. Und was weiß ich, wo Habicht wieder faulenzt. Hab ihn selbst seit 3 Monaten nicht mehr gesehen.
Sundberg hatte keine Wahl. Schon früher war er negativ aufgefallen und der Bürgermeister hatte auch seine Beschwerde angekündigt. Er konnte es sich nicht leisten, noch einmal auffällig zu werden. Wir gingen raus aus der WA-Zentrale, Sundberg machte sein Handy wieder an. Er hasste es, beim aggressiven Verhör unterbrochen zu werden. Und so standen wir im abendlichen Hamm. Der frische mittsommerliche Wind fegte über den menschenleeren Platz. Wir standen einfach dar und Sundberg genoss die Stille der sonst so hektischen Innenstadt. Die Glocken der Pauluskirche verkündeten, dass es 22 Uhr war. Uns beiden war klar, das sowohl der Bürgermeister als auch Lequardt für das Verschwinden des Fotografen Michael Habicht verantwortlich sein konnten, vielleicht waren es auch beide.
Ein Handyklingel durchbrach die Stille: Sundbergs Handy: Sundberg ... Obduktionsergebnisse liegen vor? ... Alles klar ... Kommen dann zur Dienststelle.
Eigentlich war um 22 Uhr für uns Schichtende, aber die Ergebnisse konnten natürlich nicht warten. Sundberg fuhr und ich schwieg. Wir betraten also wie schon oft die Totenhalle
.
N'abend Kollege
, begrüßte Sundberg den Forensiker. Guten Abend Kommissar Sundberg. Folgen sie mir!
Wir folgten dem Kollegen zum Schrank 58. Anschließend zog er den Schrank heraus und die verweste Leiche bot uns ein mal mehr einen schaurigen Anblick.Tja. Endgültige Todesursache ist eindeutig der Zusammenstoß mit dem Auto seines Verfolgers. Durch die inneren Verletzungen an Herz und Lunge ist er regelrecht innerlich erstickt. Todeszeit ist tatsächlich die Nacht vom 4. auf den 5. April 2007, schätzungsweise 2-3 Uhr am 5. April. Als er jedoch versteckt wurde, da war er noch am Leben. Er hätte durch einen Notarzt gerettet werden können. Der Grad der Verwesung lässt darauf schließen, dass er die ganze Zeit der Witterung ausgesetzt war. Die Leiche scheint, nachdem sie einmal an der Bahn deponiert wurde, nicht wieder bewegt worden zu sein. Jetzt kommen wir zum wirklich interessanten an der Leiche.
Watt' soll so intressant' sein?
Die schwarzen Abdrücke an der Leiche. Das ist Druckerschwärze. Am Hals und am Körper. Die Druckerschwärze am Hals und die Würgemale deuten darauf hin, dass der halbtote Fotograf noch von jemandem gewürgt wurde. Hier, eine Kopie der analysierten Abdrücke. Können sie sich einen Reim darauf machen?
Ich fuhr den Wagen mit quietschenden Reifen vor das Kommissariat vor und Sundberg stieg ein.Drück auf die Tube, Hilbig! Aber kein Blaulicht. Er soll nicht wissen, dass wir kommen. Lequardt, ich bring dich zur Strecke!
Der alte Dienstwagen gab alles. Ohnehin war das WA-Gebäude nicht weit weg. Sundberg stieg aus. Verdutzt sah uns die Empfangsdame an, denn es war ja schon unser zweiter Besuch hier.
q>Heeeer Leeeeequardt?Sie wieder? Sagte ich nicht, sie sollten besser gehen. Das heißt auch, nicht wiederkommen.
Ich komme rein, Lequardt.
Sundberg stürmte das Büro. Er knallte ihm die Aufnahmen des Toten auf den Tisch; und die Abzüge der schwarzen Fingerabdrücke.Wissens' was das is? Druckerschwärze. Was sagense' dazu, dass die am Toten warn'? Sollnwa' ihre Fingerabdrücke mal mit denen vergleichen? Sie hammnen' umgebracht.
Okay, okay. Ich werde gestehen. Ich hole uns allen eben einen Kaffee.
Lequardt ging zur Kaffeemaschine, aber dann riss er die Tür auf und rannte hinaus ins Treppenhaus. Sundberg sprang auf und lief hinterher. Er brüllte: stehnbleiben', bleibense stehn'
Wir alle stürmten die Treppe hinunter. Lequardt rannte hinaus in das nächtliche Hamm.
Sundberg rannte als ginge es um sein Leben. Er preschte brüllend hinter Lequardt hinterher.Stehenbleiben!!! Das hat doch keinen Sinn! Lequardt, geben sie auf!
Ich konnte das Tempo der beiden kräftigen Männer nicht mitgehen. Lequardt und Sundberg hängten mich immer mehr ab.Stehenbleiben!
. Die Rufe des wütenden Kommissars hallten in den menschenleeren Gassen wieder. Am Kino entlang führte uns Lequardt zum Santa Monica Platz. Die Menschen auf der Partymeile staunten nicht schlecht. Lequardt und Sundberg liefen über die Hauptstraße, hinein ins Lutherviertel. Durch leere Häuserzeilen liefen sie weiter. Ich lag immer weiter zurück. Wir ließen die Lutherkirche hinter uns und liefen weiter entlang der langen Häuserzeilen. Schließlich landeten wir im Sedaneck. Lequardt und Sundberg bogen in die Sedanstraße ein. Ich lag weit zurück. Die Rufe des Kommissars hallten wieder...
Bleibense' stehn'! Steeeeeeeeehnbleiben', sofort! Leeeeequuuuuardt, dass ist sinnlos!!!
Ein Schuss.
In der stillen Nacht des schlafenden Hamms klang er wie ein Donnerschlag. Und doch spendete er daraufhin eine unbeschreibliche Ruhe. Auch ich bog nun endlich in die Sedanstraße ein. Vor mir stand Sundberg, in Schusshaltung. Die Waffe in den vor Wut zusammengepressten Händen. Lequardt klappte zusammen. Die Miene von Sundberg war ernst. Er hatte den Redakteur mitten in die Schulter getroffen.
Looooos Hiiiilbig, die 112!!!
Der Krankenwagen traf ein und nahm den nach Luft schnappenden Chefredakteur mit. Zweierlei Geheule erfüllte die Stadt Hamm in jener Nacht – das des gar nicht so harten Kommissars und das der Sirenen des Krankenwagens.
1 Woche später, St. Marienhospital Hamm.
Lequardt, sagense' mir, warum der Oberbürgermeister ihnen datt' Geld gegeben hat?
, fragte Sundberg den immer noch schwachen Georg Lequardt.
Mein Sohn, er war schwer erkrankt. Eine Behandlungsmethode war nötig, die in Deutschland noch nicht angeboten wird. Die Kosten für eine Behandlung in den USA waren aber immens. 120.000 Euro, das konnten meine Frau und ich uns nicht leisten. Fast zufällig hatte ich erfahren, dass Oberbürgermeister Kleinstädt bei der Vergabe des Auftrages zum Abriss des Kaufhauses Horten Gelder von dem Abrissunternehmen nahm, damit sie den Auftrag erhielten. Mit Fotos und einem fertigen Bericht in der Hand erpresste ich den Bürgermeister stückweise um die 120.000 Euro. Dann kam jedoch Habicht ins Spiel. Er hatte Wind bekommen und wollte ebenfalls profitieren. Er musste mir wohl zum letzten Treffen gefolgt sein. Als ich das Klicken der Kamera hörte; ich kannte das Geräusch wie kein anderer; und ihn darauf bemerkte, dachte ich an meinen Sohn. Was wenn Habicht alles an die Westfälische Rundschau weitergeben würde? Ein gefundenes Fressen für diese Zeitung! Dann hätte mein Sohn sterben müssen! Voller Wut stieg ich in mein Auto und verfolgte den fliehenden quer über das Grundstück. Schließlich hab ich in einfach - ich hab, hab ihn ü-überfahren. Aber die-die k-Kamera, s-sie war nicht da. Also h-hab ich ihn schnell v-versteckt, unter dem sch-Schotter der, der Bahnlinie. Ich wollte doch nur, ich meine ich hatte nicht vor; es ging doch n-nur um m-meinen Sohn und um-um n-nichts anderes. Buhuhuhuhu...
Da lag der verkrüppelte Ex-Journalist, jämmerlich weinte er. Doch Sundberg empfand kein Mitgefühl.
Wissense' was? Sie sind ein eingebildeter Graf Koks, ein erbärmlicher Mensch. Sie haben vielleicht zuerst an ihren Sohn gedacht, aber hinterher war es doch nur pure Angst. Sie wollten nich' erwischt werden. Da hammse' ihren Mitarbeiter einfach kaltgestellt. Sie sind ein Lügner. Für das Überfahren hätte es nur auf eine Anklage auf Totschlag gereicht. Als sie Michael Habicht überfahren, oder besser: angefahren, hatten, da hat er noch gelebt. Habicht hatte Fingerabdrücke am Hals; mit Druckerschwärze. Und Würgemale. Sie wollten wissen, wo die Kamera is' und hammnen' gewürgt. Aber er konnt' nich' mehr sprechen. Er war innerlich am bluten und erstickte langsam. Sie wussten, dass er noch lebt, als sie ihn unter dem Schotter vergruben – aber trotz besseren Wissen hammse' keinen Arzt gerufen. Wir haben alle unsere Wunden, unsere Verletzungen. Ich habe Frau und Tochter verloren. Doch die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Ich empfinde tiefes Mitgefühl für ihren Sohn, aber nicht für sie. Zuletzt haben sie auch nur an ihre Haut gedacht, Vertuschung einer Straftat - das macht sie zu einem gewöhnlichen Mörder. Nicht zum Lebensretter ihres Sohnes.
Am Späten Nachmittag saßen Sundberg und ich draußen bei einer kleinen Kneipe nahe des Bahnhofes und tranken uns ein wohlverdientes Isenbeck. Die Wärme des Julis erfreute die Herzen der Menschen und die orangrote Sonne sank langsam auf das kahle Horten Gebäude hinab. Die losen Blechhalterungen der Fassade klimperten in der lauen Brise. Die Quelle allen Übels stand halb abgerissen vor uns. Sundberg schüttelte den Kopf und blickte herüber zu dem alten Gebäude.
Weißt du, diese Welt wird immer schlechter. Die Gier der Menschen, bei allem was sie tun, hat dazu geführt, dass immer mehr Verbrechen geschehen. Menschlichkeit, dass ist inzwischen ein fiktives Wort. Das schmutzige Geld hat zu dieser tragischen Geschichte geführt...
Hilbig, weißt du
, setze Sundberg nach Warum ich keine Frau; keine Tochter mehr habe? Erpressung. Ich war einer ganz großen Sache auf der Spur, als die Kriminellen die beiden kidnappten. Ich, ich – ich habe mich nicht erpressen lassen. Und da hat die Bande die beiden einfach umgebracht. Die größte Schuld die ich je auf mich geladen habe war, dass ich mich nicht erpressen lassen habe. Deswegen jage ich alle, die Schuld auf sich geladen haben. Ich will Gerechtigkeit – Gerechtigkeit für das, was einst passierte und das, was alles noch passieren wird.
Da saß der starke Mann, der proletarische Kommissar, und weinte. Ein ICE heulte laut im Vorbeifahren auf, als wolle er mit einstimmen...
Und so stand ich also im Archiv, blickte auf die Kamera, Beweismittel 1200, mit dem Schild „Fall abgeschlossen“ und mit Sundbergs Unterschrift und dachte zurück an Sundbergs ersten Fall in Hamm...